Die E10 ist die nördlichste Straße Europas. Sie ist insgesamt 850 Kilometer lang und verbindet Schweden mit Norwegen. Auf dem norwegischen Abschnitt heißt sie auch „Kong Olav Vs vei“ (König-Olav-V.-Straße). Sie ist nach dem historischen und beliebten Monarchen benannt, der das Land von 1957 bis 1991 regierte. Das ist keine geringe Ehrung. Denn die 397 Kilometer auf norwegischem Boden gehören zu den landschaftlich eindrucksvollsten Abschnitten der Strecke. Sie verbinden das Festland mit den Lofoten. Wer die elegante Raftsundet-Brücke überquert und zur Südspitze dieses Archipels sowie in das malerische Fischerdorf Å fährt, versteht schnell, warum dieser Abschnitt so geschätzt wird. Er ist als „Lofoten-Panoramastraße“ bekannt und bei Reisenden wie Einheimischen gleichermaßen beliebt. Die Strecke ist nicht bloß eine Durchfahrtsstraße. Sie ist eine Galerie, die das Beste zeigt, was Norwegen an Kultur, Gastfreundschaft und Natur zu bieten hat.
Während man die Kilometer hinter sich lässt und in einem der Dörfer entlang der Strecke Halt macht, zeigt sich, wie Mensch und wilde Landschaft gelernt haben, miteinander zu leben – ihr Überleben gründet auf gegenseitigem Respekt. Die Strecke gehört zu den „Norwegischen Panoramastraßen“, einer Auswahl von Routen, die die Schönheit der norwegischen Landschaft eindrucksvoll inszenieren. Ein Beispiel ist Svolvær, die Hauptstadt des Archipels: Sie liegt eingebettet zwischen kleinen Inseln, überragt vom Svolværgeita, einem über 150 Meter hohen Felsgipfel, der wie ein Wächter über der Stadt thront. Oder Henningsvær, oft „Venedig des Nordens“ genannt, weil sein Stadtgrundriss ebenso einzigartig ist wie der des italienischen Vorbilds. Das Dorf liegt inmitten eines Archipels aus kleinen Inseln, die Brücken und Wellenbrecher verbinden. Trotz seiner bescheidenen Größe zieht es mit zahlreichen Kunstgalerien Liebhaber und Kenner aus ganz Europa an.
Autofahrer, die sich auf diese Reise begeben, wissen: Die Entfernung ist zwar nicht übermäßig groß, doch das Fahrerlebnis ist intensiv. Die Straßen sind extrem schmal. Kommt ein schweres Fahrzeug entgegen, muss man den Abstand auf den Zentimeter genau einschätzen, um weiterfahren zu können. Hinzu kommen zahlreiche Brücken, die es zu überqueren gilt. Auch das Wetter spielt eine entscheidende Rolle, besonders im Herbst und Winter. Dann liegen oft Schnee und Streugut auf den Straßen. Zwischen Oktober und April sind Spikereifen vorgeschrieben. Glatteis und Seitenwindböen von mehr als 25 Metern pro Sekunde können äußerst gefährlich sein. Dann ist höchste Konzentration nötig. Der Sommer ist dagegen die beste Reisezeit. Dann sind die Temperaturen milder, und man kann die legendäre Mitternachtssonne genießen. Allerdings kann der Massentourismus die Fahrt deutlich verlangsamen und die Raststätten überfüllen. Das ist weit entfernt von der Ruhe, die viele auf den Lofoten suchen. Trotzdem gibt es auf dieser Route Abschnitte, die bei Autofahrern besonders beliebt sind. Dazu gehören die Fredvang-Brücken. Die beiden 1988 eröffneten Auslegerbrücken haben ein markantes, geschwungenes Design, das der Meereslandschaft folgt. So entsteht das Gefühl, über dem türkisfarbenen Wasser am Strand von Kvalvika zu schweben.
Dann geht es hinab nach Nusfjord: eine kurvenreiche Panoramastraße, die sich zwischen Felswänden windet und immer wieder überraschende Blicke aufs Meer freigibt. Anschließend folgt die Strecke von Reine nach Å – wohl der anspruchsvollste Abschnitt, denn die extrem schmalen Straßen verlangen höchste Präzision beim Fahren.
Wer Norwegens markanteste Ecken erkunden und die Fahrt genießen will, findet in mehreren weltberühmten Dörfern ideale Zwischenstopps. An der Außenküste liegt Eggum. Dort formt ein alter Steinbruch mit den Ruinen einer Radarstation aus dem Zweiten Weltkrieg ein natürliches Amphitheater – ein perfekter Aussichtspunkt für die Mitternachtssonne. Im Süden der Lofoten, hinter den weißen Sandstränden von Ramberg und der Straße nach Å, lädt Reine zu einer Pause ein. Das Dorf besticht mit seinen roten „Rorbuer“ – traditionellen Fischerhütten, die sich im Fjordwasser unter dem Reinebringen-Gipfel spiegeln. Die Reise endet in Å, einem lebendigen Freilichtmuseum, das die Geschichte des Stockfischs erzählt.
Norwegen setzt sich entschlossen für den Klimaschutz ein und schützt den Archipel mit vielfältigen Maßnahmen vor Massentourismus und Luftverschmutzung – mit dem Ziel, bis 2030 emissionsfrei zu werden. Wer auf der Lofoten-Panoramastraße reist, respektiert diese Vision. Vorrang haben emissionsarme oder elektrische Fahrzeuge; der Archipel bietet dafür zahlreiche Ladestationen. Wer außerhalb der Hauptsaison kommt, entlastet die Region zusätzlich – die Kommunalverwaltung steuert die Besucherströme bereits umsichtig. Wer heute diese Straße befährt, wird zum Botschafter eines langsamen, respektvollen Tourismus, bei dem Fahrfreude und der Blick auf eine weltweit einzigartige Landschaft zusammengehören.