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Gedankenspiele

Es begann mit aufmunternden Worten in der Umkleidekabine. Seither hat die Sportpsychologie einen langen Weg zurückgelegt. Die heutigen Sportstars wissen, dass mentales Training ihnen den entscheidenden Vorteil verschaffen kann, wenn sie an ihre Grenzen gehen. Genevieve Fox hat sie dabei beobachtet

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Dr. Grigori Raiport arbeitete als Sportpsychologe für das sowjetische Team bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal, bevor er in die Vereinigten Staaten ging. Ein Jahr nach seiner Ankunft schrieb er einen Brief an die New York Times. Darin legte er dar, dass es unmöglich war, in seiner neuen Heimat einen ähnlichen Job zu finden.

„Wenn ich den Leuten sage, dass ich Sportpsychologe bin, sehen sie mich mit leeren Augen an", schrieb er. „Soweit ich es beurteilen kann, sind aufmunternde Gespräche in der Umkleidekabine die einzige psychologische Konditionierung, die ein US-Athlet erhält. In der Sowjetunion bekommt ein Erstklässler mehr Hilfe als hier die Olympioniken."

40 Jahre später sind Sportpsychologen sehr gefragt - in den USA und anderswo. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio begleiteten nicht weniger als acht Fachleute die US-Mannschaft. 

Gedankenspiele - Hockey

Manage deinen Geist
Heute sind die Top-Stars des Sports international bekannt. Und Symbole für Höchstleistung. Wir wissen, dass sie 10.000 Stunden und mehr ins Training investiert haben, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. Weniger bekannt ist, dass die meisten von ihnen auch viel Zeit mit Mentaltraining verbrachten, um die Besten zu werden und zu bleiben.

„In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Einstellung der Menschen zum Mentaltraining grundsätzlich verändert", sagt der US-amerikanische Performance-Berater Dr. Stan Beecham. „Während wir weiterhin die körperlichen Fähigkeiten des Menschen maximieren, um Vorteile zu erlangen, haben Athleten und Trainer erkannt: Den Menschen beizubringen, wie sie ihren Geist, sowohl die Gedanken als auch die Gefühle, kontrollieren können, birgt großes Potenzial."

Einfach ausgedrückt: Treten zwei körperlich gleichwertige Athleten gegeneinander an, hat derjenige einen Wettbewerbsvorteil, der besser mit Stress oder Unsicherheit umgehen kann.

Menschliche Zweifel
Es gibt viele Beispiele für die positive Wirkung von Sportpsychologen. Der inzwischen sehr gelassene Roger Federer ließ sich bereits als Teenager dabei helfen, seine Wutausbrüche zu unterdrücken, die ihn aus dem Spielrhythmus brachten. Die All Blacks gewannen 2011 nach 24-jähriger Durststrecke die Rugby-Weltmeisterschaft. Nicht zuletzt aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Mentaltrainer Gilbert Enoka, dem es gelang, einigen der weltweit bekanntesten Macho-Sportstars die Inhalte der Begriffe Teilen, Vertrauen und Verletzlichkeit zu vermitteln. 

Rikard Grönborg, Cheftrainer der schwedischen Herren-Eishockeymannschaft, betont, dass die Sportpsychologie eine wichtige Rolle spielte, als seine Mannschaft die IIHF-Eishockey-Weltmeisterschaft 2018 gewann. Übrigens ein von Pirelli gesponsertes Turnier. „Früher galt es als Schwäche, wenn ein Spieler oder ein Trainer Hilfe suchte", erinnert Grönborg. "Heute arbeiten eine Sportpsychologin und eine Verhaltensforscherin für alle unsere Teams."

Womit haben Sportpsychologen es zu tun? Das Spektrum der Bedürfnisse im Einzel- und Mannschaftssport ist breit, aber auf der höchsten Ebene geht es oft um grundlegende mentale Stolpersteine wie Selbstzweifel und Nervenflattern bei entscheidenden Wettkämpfen, mangelnde Motivation sowie den Umgang mit äußeren Ablenkungen. Einige der gängigsten Ansätze enthalten das Lehren von Techniken wie das positive Selbstgespräch, das Fokussieren auf Abläufe oder die Visualisierung. 
„Elitesportler sind mit bestimmten genetischen Begabungen ausgestattet, aber psychologisch gesehen sind sie wirklich sehr menschlich", sagt der US-amerikanische Sportpsychologe Dr. Jim Taylor, Autor des Standardwerks Train Your Mind for Athletic Success.

Gedankenspiele - Tennis

Bleib positiv
Laut Taylor ist Vertrauen der wichtigste mentale Faktor im Sport. Er nennt als Beispiel die US-Alpin-Skifahrerin Mikaela Shiffrin, mit der er an der Burke Mountain Academy in Vermont arbeitete, als sie noch ein Teenager war. In den vergangenen Jahren brachte Shiffrins Leistungsangst sie vor den Rennen zum Erbrechen - trotz zweier Olympiasiege und mehr als 40 Weltcup-Titel.

Heute sendet sie sich während ihrer Vor-Rennroutine positive Textnachrichten, um den Erwartungsdruck zu verringern. Und um sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, anstatt sich Sorgen über Zukünftiges zu machen. „Werte lieben, nicht den Triumph", schrieb sie sich, kurz bevor sie bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang Gold im Riesenslalom gewann. „Erinnere dich an Momente, nicht an Siege. Zähle Erinnerungen, nicht Medaillen."

“Selbst die weltbesten Athleten, einschließlich Mikaela, können auf die dunkle Seite gelangen, auf der sie sich gegen sich selbst stellen", erläutert Taylor. „Mit positivem Selbstgespräch startest du eine Aufwärtsspirale des Selbstvertrauens, in der positives Denken zu besseren Leistungen führt. Wenn du positiv denkst, dich entspannt und energiegeladen fühlst, positive Gefühle erlebst und dich darauf konzentrierst, dein Bestes zu geben, wirst du viel Spaß haben und wahrscheinlich gut abschneiden."

Verlust des Instinktes
Für einige Athleten kann das Erreichen des höchsten Leistungslevels zu einer Gefahr führen, die als "Ersticken" bezeichnet wird. Wenn sie unter Druck nicht ihr Bestes geben können.

Die australische Schwimmerin Cate Campbell war klare Gold-Favoritin, als sie 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio im 100m Freistil der Frauen antrat. Denn einen Monat zuvor hatte sie den Weltrekord gebrochen. Doch sie belegte nur den sechsten Platz. In einem Interview nach dem Rennen machte sie einen Text, den sie kurz vor dem Wettkampf von einem Freund erhalten hatte, dafür verantwortlich. „Ich bin so aufgeregt, dir beim Rennen zuzusehen", hieß es in der Nachricht. „Ich habe einen Sitzungssaal im Büro gebucht, damit wir Dich alle beobachten können."

Auf Campbell hatten die scheinbar harmlosen Worte eine katastrophale Wirkung, denn sie machten sie „nervös und ängstlich", als sie sich des Drucks der Erwartungen ihres Landes bewusst wurde. „Ich erinnere mich, dass ich glaubte, dass es um mehr ging als um mich. Ich fühlte mich für andere Menschen verantwortlich", erklärte sie. 

Denkprozess, nicht Ergebnis
Diese Verschiebung hin zu einer bestimmten Denkweise kann dazu führen, dass ein Athlet jene Fähigkeit verliert, die er durch jahrelanges Training erlernt hat. Schaltet der mentale Autopilot ab, setzt das Denken ein. Je mehr sie sich auf das Ergebnis fixieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie im übertragen Sinne ersticken. Malcolm Gladwell, Autor von Outliers: Die Erfolgsgeschichte, schreibt: "Ersticken bedeutet, zu viel zu denken... [ Es] bedeutet, den Instinkt zu verlieren."

Die Lösung, so die Sportpsychologen, besteht darin, zu lernen, sich auf den Ablauf zu konzentrieren - nicht auf das Ergebnis. Denn indem sie über Ergebnisse, Rankings und den Sieg über Konkurrenten nachdenken, richten Athleten ihre Aufmerksamkeit auf Faktoren, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Die Fokussierung auf den Prozess hingegen enthält die Gliederung in das, was sie tun müssen, um ihr Bestes zu geben: Vorbereitung, Technik und Taktik. Alles unter ihrer Kontrolle.

„Wir wissen, dass wir als Menschen am besten sind, wenn wir uns in der Zone befinden, in der wir uns nicht um uns selbst kümmern. Tatsächlich ist es so, dass wir dann nicht einmal denken", sagt Beecham. „Es stimmt nicht, dass Hochleistungssportler anders denken. Vielmehr ist es so, dass sie beim Wettkampf nicht denken. Es ist die Abwesenheit von Gedanken, die den Vorteil bringt."

Genau wie beim Wettkampf
Auch die Visualisierung - oder mentales Üben – gilt als Standardwerkzeug der Sportpsychologie. Allerdings ist es ist nicht besonders hilfreich, sich lediglich vorzustellen, auf einem Podium zu stehen oder oder eine karierte Flagge zu schwenken. Stattdessen, so Beecham, sollten wir uns vorstellen, was wir tun müssen, um die optimale Leistung zu erzielen.

Studien haben ergeben, dass Visualisierungsübungen Reaktionen des autonomen Nervensystems auslösen - zum Beispiel des für die Atmung und den Herzschlag verantwortlichen Teils - und gleichzeitig das Gehirn dazu veranlassen, elektrische Signale zu erzeugen, die denen vergleichbar sind, die ein Athlet während des Wettkampfs erleben würde. „Ich kenne keinen Weltklasse-Athleten in irgendeiner Sportart, der keine mentalen Bilder verwendet. Gleich, ob es sich um eine olympische Skistrecke oder einen Formel 1 Track handelt: Vor dem Rennen fahren die Athleten den Kurs im Geiste viele Male ab", ergänzt Taylor. „Das gibt ihnen eine Möglichkeit, sich vorab mit den Gegnern zu messen, bevor sie es dann wirklich tun."

Mentales Training
Nicht alle Spitzensportler sind für derartige Methoden empfänglich. Aber auch jene Sportkulturen, die bekanntermaßen gegen neues oder anderes Denken resistent sind, verändern sich. Taylor glaubt, dass sich die Wahrnehmung dessen, was Sportpsychologie ist, verändert hat - bedingt durch deren Erfolge.

„Das weniger Glückliche an der Sportpsychologie ist, dass sie das Wort Psychologie enthält. Dieser Begriff ist belastet. Ich ziehe es daher vor, den Ausdruck mentales Training zu verwenden. Schämen sich die Athleten, einen Konditionstrainer zu treffen? Nein, sie gehen zu ihm, weil sie wissen, dass sie stark, mobil und agil sein müssen. Ich versuche, die Athleten dahin zu bringen, dass sie erkennen: ich biete das Gleiche an. Der Geist besteht aus Muskeln, und Athleten müssen ihre mentalen Muskeln genauso trainieren wie die Muskeln ihres Körpers."

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